Ich kann mich nur schwer von Dingen trennen. Ich sammle nicht, aber ich behalte. Selbst komplett nutzlose Dinge werfe ich nicht weg, sondern bewahre sie auf, warum auch immer. Früher hatte ich gefüllte Setzkästen mit Krimskrams, und sogar meine Backups werden immer grösser, weil ich alte Dateien nicht einfach lösche. Und in meinem Handy befindet sich immer noch die Telefonnummer meines Menschen, dem ich vor nun beinahe einem Jahr Lebwohl gesagt habe. Und auch diejenige eines anderen Menschen, mit dem ich vor ziemlich genau einem Jahr viel kommuniziert habe. Die Rede ist von jemandem, dem ich viel verdanke. Von dem ich endlich dieses Gefühl des „Begehrtseins“ erhielt, der mir oft sagte, wie hübsch ich sei, wie viel ich aus mir machen könne. Ein Mensch, der mir damals so viel bedeutete, und zu dem ich kurze Zeit später den Kontakt ebenfalls komplett abgebrochen habe. Weil es einfach zu weh tat zu sehen, dass er so schnell jemand anderes gefunden hatte.
In Facebook habe ich ihn nicht gelöscht. Aber dafür die Benachrichtigungen ausgeblendet – aus den Augen, aus dem Sinn. Erst als vor kurzem ein unverhofftes Like auf einem meiner Bilder erschien, habe ich mich dazu durchgerungen, doch ein schönes neues Jahr zu wünschen. Es ist alles lange genug her, und doch habe ich diesem Menschen einiges an positiven Gedanken zu verdanken, insbesondere solche, die mich gut über mich selbst denken lassen.
Natürlich folgte ein längeres Gespräch, dem sich weder ich noch die andere Person entziehen konnten. Ich war, gelinde gesagt, konsterniert… vom Feuer und der Eigenständigkeit dieses Menschen war nicht mehr so viel übrig wie noch vor einem Jahr, wo dies alles deutlich zu spüren war. Er wollte studieren, was aus sich machen, hatte diese brennende Kraft nach vorne in sich, die mich selbst angesteckt hatte, und nun ist nur mehr Resignation übrig.
In einer unglücklichen Beziehung feststeckend, in einem Job, der diesen Menschen weder fordert noch fördert, in einigen Wochen wird er mit diesem anderen Menschen zusammenziehen, den er „eigentlich liebt“, aber angeblich für ihn „nicht mehr so wirklich Gefühle“ hat, und eigentlich sei das alles nur dem Kind zuliebe. Dem Kind?? Ja, im Frühjahr käme die Tochter zur Welt. Und da war ich endgültig baff. In dem Alter, von diesem Menschen, damit hätte ich niemals gerechnet.
Na, was denn aus dem Studium geworden sei? Den ganzen Plänen? Ob der andere Mensch ihn da nicht unterstützt hätte?
Nein, sagt er. Der Andere würde von einem Studium nicht viel halten, Geld sei wichtiger. Ich sass mit grossen Augen vor meiner Tastatur und wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte.
„Tja… irgendwie bin ich fast etwas schockiert, denn das ist nämlich genau das, was ich von DIR gelernt habe: Etwas aus mir zu machen, mich nicht beirren zu lassen, und mir Menschen zu suchen, die mich unterstützen. Dass ich DIR das jetzt sagen muss ist irgendwie… falsch!“
Dann war mein Gegenüber an der Reihe, sprachlos zu sein. Und irgendwann, nachdem ihm alles ein wenig wie Schuppen vor den Augen gefallen war, kam:
„Ach, auch das mit uns… Ich hab alles kaputt gemacht. Es hätte alles so schön werden können… aber ehrlich gesagt, hat mir alles ein wenig Angst gemacht. Ich hätte einfach in deine Stadt ziehen können, dort studieren, ein Leben mit Zukunft aufbauen… aber ich hatte einfach Angst. Es lag nicht an dir persönlich.“
Und nun führt dieser Mensch eine Beziehung mit jemandem, der ihm nicht genug Aufmerksamkeit schenkt, der keine Komplimente macht, der ihm das Gefühl gibt, nicht begehrt zu sein – und spätestens hier entsprach mein Gesichtsausdruck demjenigen beim Biss in eine Zitrone. Es kam mir alles so schrecklich bekannt vor. Nur dass dieser Mensch sich mit dem Kind nun sehr viele Optionen verbaut oder zumindest stark erschwert hat, denn dies ist eine sehr schwerwiegende Bindung. Klingt herzlos? Jein. Das Kind war geplant, und ich kann nicht verstehen, dass man bei all diesen Plänen für die eigene Zukunft schon mit kurz nach zwanzig eine Familie gründet. Mit einem Partner, mit dem man so kurz zusammen ist, und der einem auch keinen Rückhalt gibt! Warum?
Später endete das Gespräch in eine Richtung, die mir nicht unbedingt gefiel. In eine Richtung, die Sätze enthielt wie: „Eigentlich ergänzen wir uns ziemlich gut… Ich unterhalte mich total gerne mit dir, und ehrlich gesagt weiss ich gar nicht mehr, was ich für ein Problem ich mit uns hatte…“, und die nachts um zwei SMS erscheinen liess mit „Kannst du auch nicht schlafen?“. Diese Richtung werde ich unterbinden, denn obwohl ich diesen Menschen nach wie vor unglaublich interessant finde… der Zug ist abgefahren. Aber darum geht es jetzt auch gerade nicht, der Beitrag ist eh schon lang genug.
Worauf ich eigentlich hinaus wollte ist die Art der Partnerschaft, die dieser Mensch gerade führt. Was er mir erzählt, ist genau das, was mir mit meinem Exmenschen passiert ist: Keine Zuneigungsbekenntnisse, zu wenig Aufmerksamkeit, und so weiter. Interesse. Aber wirklich schlimm fand ich die Tatsache, dass er keine Unterstützung von seinem Menschen erhält. Er ist sehr intelligent und könnte ein Studium mit links schmeissen, und dass hier der Partner nicht voll dahintersteht, sondern sogar blockiert, finde ich schrecklich. Perlen vor die Säue – Partnerschaft ist doch nicht einfach irgendein Hobby! Ich muss doch meinen Menschen kennen, wissen, was ihn antreibt, was ihm fehlt, was seine Wünsche sind. Eine Partnerschaft besteht darin, dem anderen Steine aus dem Weg zu räumen und ihm diese Wünsche zu erfüllen, sich gegenseitig zu unterstützen. Liebe ist, dem anderen Flügel wachsen zu lassen.
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