Lebe ich, um zu arbeiten, oder arbeite ich, um zu leben?
Der Kommentar von wortman auf Ronjas Blog hat mich grad zum Nachdenken gebracht. Immer wieder dieselbe Frage, die sich mir stellt. Leben, um zu arbeiten? Kann ich wirklich so viel leisten? Wie viel bin ich bereit, in meinen Job zu investieren? Wann habe ich Zeit für mich? Auch bei Gaba dreht es sich grade um die Kunst zu leben. Und zu allem Überfluss bin ich heute auf ein Video gestossen, das mich doch ein wenig aufgerüttelt hat.
Shift happens. Es ist, als würde ich den Sternenhimmel betrachten. Plötzlich fühle ich mich klein und unbedeutend. Die Vergangenheit meldet sich wieder ein wenig – was macht es schon, ob ich existiere oder nicht? Wen kümmern schon meine Taten? Wenn es so viele Menschen gibt, die alle den gleichen Job machen wie ich, ihn besser und billiger machen, wo ist meine Zukunft? Wo bin ich in 20, 30, 40 Jahren? Mein Beruf erfordert konstantes Lernen. In drei Jahren ist alles, was ich jetzt gelernt habe, Schnee von gestern. Bin ich wirklich bereit, so viel für meine Karriere zu investieren? Wann habe ich denn Zeit, zu leben?
Im Moment bin ich zu 120% beschäftigt, und ich merke, dass das einfach zu viel ist. Ich kann und will nicht mein ganzes Leben in meine Karriere investieren… Ich habe mir vorgenommen, später nur 80% zu arbeiten. Mit meiner Ausbildung sollte ich damit nicht luxuriös, aber zumindest gut leben können. Und mir ist meine Zeit viel wichtiger als mein Geld. Was nützt es mir denn, wenn ich keine Zeit habe, es auszugeben? Aber langsam fürchte ich, dass es so nicht werden wird, dass ich immer ersetzbar bleiben werde und deshalb immer mehr als 100% geben muss… und ich meine freie Zeit, egal welche, dafür nützen müsste, um immer und jederzeit aktuell zu sein, anstatt meinen zahlreichen Hobbys zu fröhnen.
Manchmal wünschte ich, ein einfacher Mensch zu sein. Jemand wie mein Bruder, der von seinem Job nach Hause kommt, sich auf seine Verlobte freut und einfach lebt. Statt es sich wie ich immer schwer zu machen. Oder wie der Freund eines Freundes, dessen Gedanken und Sorgen sich um sein Auto und das nächste Weekend drehen. Statt sich wie ich immer so viele Gedanken über sein Leben zu machen, die ja doch nur wieder zum selben Punkt zurückführen.
Mein bester Freund an der Schule jedoch hat mich wieder ein wenig auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Er hat auf jede Frage eine Antwort, und dafür bewundere ich ihn. Mein Selbstwertgefühl hat einen Knacks erlitten, ist nun aber wieder da. Auch wenn mein Name vielleicht nie in der Wikipedia stehen wird, es hat trotzdem einen Sinn hinter allem. Es macht Spass, zu leben. Und in einem Punkt bin ich mir sicher: Ich arbeite, um zu leben. Alles andere ist Selbstzerstörung.
Willkommen im Club der Perfektionisten.
Nicht die, die überzeugt sind, man müsse alles perfekt machen, sondern jene, die ihre Introjektion „Wenn Du Fehler machst, hast Du Dich nicht genug angestrengt.“ hinterfragen.
Achte auf diesen besten Freund!
Ich freue mich für Dich, dass Du ihn hast.
Von: nedganzbachert am 263. Januar 2008
um 10:02
lieber ngb, du sprichst mir aus der seele. dieser elende perfektionismus hat mich nicht zum ersten mal gewurmt…
und diesen freund würde ich um nichts in der welt hergeben wollen, keine sorge ;)
liebe grüsse,
aprikose
Von: aprikose am 263. Januar 2008
um 13:54
Hi :)
Wenn man sich mit der Menschheit vergleicht, ist man meistens klein und scheinbar unbedeutend.
Doch es braucht nur einen Menschen, und man ist groß, man bedeutend für ihn das Leben, oder wenigstens ein Teil davon.
Denjenigen interessiert es auch, dass man existiert.
Ist doch egal, dass nicht alle einen kennen.
Ist doch eigentlich besser so, wie viele echte Freunde hätte man dann?
Freunde, die mit dir Tratschen und Lachen, nur weil du Geld hast und jedes Wochenende eine Party veranstaltest?
Klar wollen viele Menschen einen Beruf machen, aber nicht genau DEINEN. Wo wäre sonst die Flexibilität, wenn sich alle Menschen nur auf den einen Job konzentrieren würden? Und nicht beim Nachbarn schauen, ob da noch was frei ist? Oder beim anderen Nachbarn?
Auch wenn viele Menschen den einen Beruf lernen, glaube ich nicht, dass sie dir deinen ‘wegnehmen’ würden, weil sie für weniger arbeiten würden.
Von: makochou am 263. Januar 2008
um 19:32
Du machst dir einfach viel zu viele Gedanken, glaube ich.
Überall gibt es Konkurrenz, und was wäre es für ein langweiliges Leben, wenn nicht?
Zudem, für viele Jobs muss man stetig lernen. Im Leben lernst du ja auch so immer mehr dazu, wieso dann auch nicht im Beruf?
„Man lernt nie aus“
Makochou <~
Ich bin Optimist – sogar meine Blutgruppe ist positiv ;)
Von: makochou am 263. Januar 2008
um 19:33
Hi Aprikose,
ich stelle mir auch die Frage wie verhält sich das mit dem Arbeitseinsatz und dem was ich dafür rausbekomme. Ich arbeite viel Ehrenamtlich. Arbeite also für nichts ausser vielleicht die Anerkennung. Nun betreibe ich aber ein Ehrenamt, welches immer eher belächelt wird, als dass man dafür mal ein Lob bekommt. Du weisst ja, dass ich Politik betreibe. Bis jetzt alles im Ehrenamt. Da nützt es mir auch nichts, dass mein Name mal bei Wikipedia stand, weil das ist bestimmt nicht das Maß an dem man die Anerkennung für das Geleistete messen sollte.
Du hast deinen Bruder und andere Menschen aufgeführt, deren Leben so toll ist. Von außen betrachtet ist das was ein anderer hat immer interessant, weil man es vielleicht selbst in dem Moment nicht hat. Allein deine Sehnsucht nach einem Menschen der mit dir sein Leben teilt zeigt, dass du nach dem strebst was du gerade nicht hast. Bzw. was sich bei dir als schwierig erweist, weil ihr beide, wenn es denn soweit ist, eine Fernbeziehung führen müsst. Du kannst nicht mal einfach so nach Hause kommen und der Mensch den du liebst sitzt da. Das sind alles innere Sehnsüchte, die ein Mensch in sich hegt und pflegt, immer genau das haben zu wollen was man gerade nicht hat oder nicht haben kann. Wärst du damit glücklich dir nur Gedanken über dein Auto machen zu müssen und was du am nächsten Wochenende am besten tust, damit dir nicht die Decke auf den Kopf fällt? Ich für mich muss sagen, dass ich damit nicht zufrieden wäre. Das Leben bietet soviele Möglichkeiten, soviele Chancen und Wege es zu bestreiten. Manche sind besser als andere, manche schlechter. Gerade das Beispiel China zeigt uns doch, dass es Menschen gibt die nicht von dem ganzen Hype profitieren. Behinderte werden versteckt und unterdrückt etc.
Das Streben nach dem EIGENEN Glück muss im Vordergrund stehen und nicht das KOPIEREN des anderen Menschens Glück!
So genug geschrieben! ;-) Das hier soll ja kein eigener Beitrag werden. :-) Ich hoffe du verstehst was ich meine.
Viele Grüße!
Volker
Von: Volker am 264. Januar 2008
um 02:51
Hallo Aprikose!
Den Perfektionismus habe ich schon lange aufgegeben, abgelegt.
Und ich arbeite schon immer nur um zu „leben“!….und nicht umgekehrt.
Weil mir jetzt auch die Kraft fehlt, um alles zu machen, was oft nötig wäre, habe ich auch gelernt mal was liegen zu lassen,…lernen müssen.
Liebe Grüße
Grye Owl
Von: Grye Owl Calluna am 264. Januar 2008
um 15:24
ihr habt ja alle recht :)
das sowieso… ich mach mir immer sehr viele gedanken. ist manchmal eine schwäche, manchmal eine stärke. aber grad in solchen situationen ists extrem nervig…
ohne konkurrenz herrscht langeweile, und richtig, man lernt nie aus. da hast du völlig recht, mako, und eigentlich ist das ja auch meine denkweise.
*lach* wie gut ;D
volker, sehr gut gesagt. die menschen streben immer nach dingen, die sie nicht besitzen, das muster zieht sich irgendwie durch…
ich verstehe was du meinst, ja. aber trotzdem wünsche ich mir manchmal, mit dem zufrieden zu sein, was ich habe… aber sowas ist teilweise sehr schwierig.
hallo calluna!
es funktioniert also, das „arbeiten um zu leben“. das ist ermutigend… :)
lernen müssen… ja, die lektionen des lebens sind hart, dafür meist lehrreich. diese erkenntnis hat wohl fast jeder einmal lernen müssen ;)
aber da ich die mentalität eines stehaufmännchens habe, bin ich mittlerweile auch schon wieder voll da. solche phasen, in denen so komische gedanken aufkommen, die gibts bei mir manchmal. da kann man sich dann wieder richtig schön im selbstmitleid suhlen, seine unzulänglichkeiten ausbreiten und ein wenig jammern… ja, das passiert eben manchmal. ich arbeite noch daran, dies einzudämmen und mich nicht so beeinflussen zu lassen ;)
liebe grüsse,
aprikose
Von: aprikose am 264. Januar 2008
um 21:20
Liebe Aprikose,
gibt es eigentlich wirklich eine Kunst zu leben?
Ist es nicht viel eher so, dass das Leben unnötig kompliziert wird, wenn wir versuchen eine Kunst daraus zu machen?
Mir passt mein Leben, wenn ich mich darin wohlfühlen kann.
Zum Thema work-life-balance hab ich folgende Erfahrung: Seit es mir gelungen ist, einen Beruf auszuüben, der mir wirklich aus tiefstem Herzen Freude macht schaue ich nicht mehr auf die Uhr. (Bei anderen Tätigkeiten war das mal ganz anders ;-)
Will heißen: Manchmal empfinde ich die Arbeit attraktiver, als irgendwelche aufgesetzten Freizeitprogramme. (Beispiel: Volksvergnügungen wie Oktoberfest etc.)
Mein Tipp:
Finde Arbeit, bei der der Funke auf Dich überspringt…damit Du sowohl in Beruf als auch Freizeit leuchten und brennen kannst.
Ich wünsche Dir einen lebenslustigen Start in die neue Woche,
besser und besser,
Gaba
Von: Gaba am 265. Januar 2008
um 01:47
Liebe Aprikose,
warum machst du dir das Leben so leicht??? ;-)
Das werde ich provokativ immer wieder von einer lieben Freundin gefragt, die alles fließen lasst und der nur Schönes und Wunderbares in ihrem Leben widerfährt.
Die Kontrolle loslassen, sich in Großzügigkeit üben, ja, üben, üben und nochmals üben… Tag für Tag :-) Ich spüre, dass es besser wird!
Liebste Grüße von Elisabeth
Von: Elisabeth am 267. Januar 2008
um 14:29
liebe gaba,
gute fragen. aber ich kenne die antwort nicht ;)
so etwas gelingt nicht vielen. es ist manchmal schwierig, dies zu erreichen. und manche empfinden es auch als unangenehm, das hobby zum beruf zu machen, weil es dann etwas eintönig werden würde.
ich weiss, dass meine arbeit mir spass macht – nicht immer, aber es gibt durchaus aspekte, in denen ich die zeit vergesse. das ist immer sehr „erfüllend“ :)
liebe elisabeth,
„die kontrolle loslassen“ – das wäre wohl mal gut für mich. ich klammere mich immer noch zu fest an manche dinge, aber wie du übe ich tag für tag :)
liebe grüsse,
aprikose
Von: aprikose am 267. Januar 2008
um 22:06
Liebe Aprikose,
Karriere ist ja kein Selbstzweck. Dahinter stecken viele Motivationen. Nun weiß ich nicht, wo Deine Motivation liegt: Existenzsicherung, Wohlstand, Anerkennung oder einfach Stillstand langweilig zu finden (Neugier)? Oder gäbe es überhaupt -mit allen Risiken und dafür notwendigen Anstrengungen und Veränderungen- eine Möglichkeit von 120% auf 80% runterzufahren (nicht gleich auf 0%)
Ich halte den Begriff Work-Life Balance auch für irreführend, denn Arbeit trägt als eine von drei (vier) Säulen das Leben. Weitere sind Familie/Partnerschaft und Sozial-Netzwerk/Hobby. Leben ist kein Output der Arbeit.
Es gibt inzwischen Seminare zum „Downsizing“. Dort werden Grundlagen und Vorgehen für ein Zurückfahren des Arbeitseinsatzes zugunsten der anderen „Säulen“ besprochen.
Als erstes die wesentliche Frage: Was will ich eigentlich mit der Arbeit bezwecken? Anerkennung, Existenzsicherung, Wohlstand, Neugier, Kontrolle, Einfluss…Und ist mein Anspruch relativ oder absolut (z.B. Anerkennung ist relativ an anderen ausgerichtet) und authentisch (Will ich dem Anspruch überhaupt gerecht werden? Wer stellt diese Ansprüche?)
Und die schmerzhafteste Frage: Wo besteht Bereitschaft, Abstriche zu machen.
Schwierige Fragen, bei denen ein Freund gut helfen kann. Beantworten muss man sie jedoch selbst.
Ich verheddere mich da manchmal. Dann mache ich einen radikalen Kassensturz (mit Hilfe eines Freundes, der Fragen stellt, sie aber nicht beantwortet.)
So, jetzt habe ich auch mehr ausgeschüttet als geordnet dargelegt….
Gruß
Christian
Von: Donkys Freund am 269. Januar 2008
um 09:38
lieber christian, danke für deinen kommentar.
im moment sieht es bei mir leider so aus, dass ich noch mindestens ein, je nach situation sogar bis zu drei jahre so verharren muss – bei 120%.
denn meine motivation ist bis dahin erst mal existenzsicherung, vielleicht auch ein wenig wohlstand, wo möglich.
ein karrieremensch an sich bin ich eigentlich nicht. wie gesagt, ich arbeite, um zu leben. solange der job mir spass macht und ich angemessen bezahlt werde bin ich eigentlich zufrieden… vielleicht ändert sich das später ja mal.
ich habe einen alten schulfreund durch zufall wieder getroffen. es geht ihm nicht besser als mir, aber was mich erschrocken hat ist, dass sein freundeskreis auf seine arbeitskollegen geschrumpft ist. ansonsten hat er keinen kontakt mehr mit anderen, weil er einfach keine zeit hat…
das möchte ich auf keinen fall erleben. wenn nötig, werde ich mir also ein darlehen beschaffen und ein „richtiges“ vollzeitstudium machen. danach kann ich arbeiten und den kredit zurückzahlen. der vorteil bei dieser lösung: nie mehr als 100%.
liebe grüsse,
aprikose
Von: aprikose am 269. Januar 2008
um 20:02
Dann wünsche ich Dir etwas Durchhaltevermögen. Wenn die (nicht gewollten) 120% nur zeitweise zu überstehen sind!
Gruß
Christian
Von: Donkys Freund am 269. Januar 2008
um 23:39
… manchmal reichen auch 90 % und wenn ich mich so umschaue produzieren manche bei der Arbeit nur 50 %… Aber trotzdem, ein bißchen Ehrgeiz schadet nie und wer aufhört „besser“ zu werden hat aufgehört „gut“ zu sein – so oder ähnlich habe ich es einmal gelesen und halte mich daran. Lernen schadet nie, aber man sollte seine persönlichen Bedürfnisse und seine Freude und Freunde dabei nicht verlieren. Schwer, aber bestimmt machbar ;-)
Von: raeuberbraut am 272. Januar 2008
um 12:15
danke, christian. das sollte ich schaffen. bin ja nicht umsonst jung, dynamisch und belastbar ;)
genau so sehe ich das auch, ronja. wer rastet, der rostet, aber blinder eifer schadet nur. wie immer ist hier einfach mal wieder die frage nach dem richtigen mass :)
liebe grüsse,
aprikose
Von: aprikose am 273. Januar 2008
um 18:27
Die Frage ob man lebt um zu arbeiten oder arbeitet um zu leben erübrigt sich eigentlich wenn man nur kurz auf sein Leben schaut. Natürlich muss man Geld verdienen um zu leben, aber solange man seinen Job nicht zur alleinigen Aufgabe macht lebt man nicht nur um zu arbeiten. Es ist bei fast allen also einfach nur ein Misch. Man wird nicht geboren um zu arbeiten, aber die Gesellschaft verlangt halt dass man was daür tun muss um zu leben.
Von: Schaps am 273. Januar 2008
um 21:12
so pragmatisch hab ich es noch gar nicht angesehen :)
es war mehr eine frage nach dem wollen, nicht nach dem ist. die balance finden, so dass man sowohl in beruf als auch im leben „erfolgreich“ ist – wobei diesen begriff auch wieder jeder für sich selbst definiert.
lg aprikose
Von: aprikose am 273. Januar 2008
um 21:33
Genau! Die Definition des Begriffes „Erfolg“ ist der Schlüssel. Leider ist der Begriff schon ziemlich verhunzt und birgt die Gefahr, dass er recht wenig wirklich mit sich selbst zu tun hat.
Von: Donkys Freund am 273. Januar 2008
um 23:27
Habe letztens dazu einen sehr guten Spruch gehört, von einem mir nicht namentlich bekannten Bildhauer (deutscher, lebt in Frankreich) der sagte:
Wenn dir die Arbeit Spaß macht, ist es eine Strafe sie nicht erledigen zu können!
Er sprach von seiner Kunst – aber wer kann das zu 100% von sich behaupten?
Von: NM am 275. Januar 2008
um 13:13
lieber nm, der spruch sagt doch nur die wahrheit :)
aber eines vorweg: ich kann mich momentan sehr an meiner arbeit erfreuen, was unter anderem daran liegt, dass das mühsame hinter mir liegt und das spannende beginnt.
wünsche dir viel spass bei deiner tätigkeit ;)
lg, aprikose
Von: aprikose am 275. Januar 2008
um 18:14