Schon mal mit der deutschen Bahn gefahren? Wir kennen doch alle diese Räubergeschichten, vor allem Ulf und ngb können ein Liedchen davon singen. Und seit heute gehört auch eine dieser Geschichten zu meinem Repertoire. Denn als ich letztens mit der Bahn eine längere Strecke gefahren bin, kam es, wie sollte es anders sein, zu technischen Störungen. Nein, sie war sogar geplant.
Und zwar wurden in den RE und IRE der DB die Neigetechnik abgeschaltet wegen fehlerhaftem technischen Krimskrams, den ich an dieser Stelle nicht weiter erläutere (und zugegebenermassen selbst nicht verstehe). Weil ja bei der DB Sicherheit an erster Stelle steht, wie der Lautsprecher verlauten liess. An dieser Stelle frage ich mich grade, ob ich denn in den vorherigen Bahnfahrten immer einem Entgleisungsrisiko ausgesetzt war.
Im Endeffekt verlängerte sich unsere Fahrtzeit, da der Zug nicht mehr so schnell fahren durfte. Und ich habe natürlich meinen Anschlusszug trotz 15 Minuten Pufferzeit um 5 Minuten verpasst. Da es bereits Abend war, und die Fahrt sich noch mehrere Stunden hinzog, habe ich mich ewiglangewarteschlangenweise zum 1.-Klasse-Bahncard-100-roter-Teppich-Super-Service-Schalter der Deutschen Bahn gemogelt und mein Anliegen geschildert, wo man mir anstandslos eine neue Verbindung gab. Ankunftszeit: Nochmals drei Stunden später. Gesamtfahrzeit also zwölf Stunden.
Hier kommt der Punkt, an dem viele Menschen in Empörung ausbrechen und mit einem bissigen Kommentar den Schalter verlassen. Ich habe mich also resignierend bedankt und begab mich zu meinem Zug, sinnierend über Glück oder Pech. Im ersten Eindruck natürlich Pech, und es hat mich natürlich noch das eine oder andere Telefonat gekostet und sehr geärgert. Doch im Nachhinein habe ich nur ein Schulterzucken übrig. Was solls?
Durch die längere Bahnfahrt hatte ich ein ganzes Abteil für mich alleine, Stromanschluss für meinen Laptop durch besser ausgestattete Züge, konnte also durch die pechschwarze Nacht fahren, Musik hören und arbeiten, statt irgendwo eingequetscht in einem Dieselzug durch das Land zu dröhnen. Und was noch viel wichtiger ist: Ich führe ein glückreiches Leben. Jedes schlechte Ereignis, jeder pechschwarze Tag wurde durch irgendetwas wieder aufgewiegelt. Ich habe gute Jobaussichten, eine Zukunft, und bin hochmotiviert. Meine Freude kann im Moment nichts mehr trüben.
Ich hatte Glück, wann immer ich es bitter nötig hatte. Ich habe wahre, ehrliche Freunde. Ich habe eine sehr gute Ausbildung genossen. Ich habe in tollen Firmen gearbeitet. Ich habe eine sehr liebe Familie, die zu mir hält. Und natürlich habe ich das Glück, in all das hineingeboren zu werden, denn manchmal frage ich mich, was passiert wäre, wenn ich woanders auf der Welt aufgewachsen wäre. Es geht mir in meinem Leben wie beim Reisen mit der Deutschen Bahn: Auf Umwegen, Sackgassen oder mit Verspätungen – aber ans Ziel kommt man immer.
Allein dies alles zu wissen und zu realisieren macht mich selbst glücklich und lehrt mich, zu schätzen, was ich habe. Und relativiert drei Stunden meines schönen Lebens umso mehr.
Liebe aprikose,
es ist wunderbar zu lesen, zu welcher Demut und Dankbarkeit Dich eine verunglückte Reise mit der Bahn bewegen kann.
Du wirst es nicht glauben.
Ich bin täglich froh, wenn und dass ich gesund an meinem Beförderungsziel ankommen darf.
Dass ich die Menschenmengen in den Bahnhöfen unversehrt passieren darf.
Dass es bei all den absonderlichen Menschen, mit denen man die Öffentlichkeit teilt, so viele nette und freundliche Menschen gibt, mit denen man unterwegs sein darf.
Ich finde es ganz ganz toll, dass Du diese 3 Minuten, aus denen 3 Stunden wurden, dazu verwendet hast, über Demut und Dankbarkeit zu reflektieren.
Liebe Grüße,
Ulf
Von: Ulf Runge am 298. Januar 2009
um 01:26
janus lässt grüssen, lieber ulf. man kann sich entweder über die unpünktlichkeit der bahn aufregen, sich ärgern und wasweissichwen anklagen, dass dies passieren musste – oder sich auf die schönen seiten konzentrieren. life is beautiful – if you let it.
ich wünsch dir viele schöne bahnstunden :)
liebe grüsse,
aprikose
Von: aprikose am 308. Januar 2009
um 00:07
Sehr schön liebe aprikose. Ich muss mich ja auch tagtäglich der Unpünktlichkeit der Bahn aussetzen, allerdings habe ich noch nie einen Vorteil darin gesehen, geschweige denn einen davon gehabt. Wenn es nur einmal in einem Monat wäre, wäre das noch auszuhalten, aber täglich geht einem das schon ganz schön auf den Nerv. Es raubt einem täglich wertvolle Freizeit und damit geht auch ein Stückchen Lebensqualität verloren. Ich frage mich allen Ernstes manchmal wozu es überhaupt noch Fahrpläne gibt ;-)
Trotzdem finde ich Deinen Artikel sehr schön und Du hast die Zeit „sinnvoll“ genutzt!
Alles Liebe Ronja!
Von: Ronja am 315. Januar 2009
um 15:03
das stimmt, dass hier viel zeit „verloren“ geht, aber manchmal geniesse ich es, einfach nur durch die nacht zu fahren und zu träumen oder leute zu beobachten und ihre gedanken zu erraten. oder bei blickkontakt zu lächeln.
und für alle anderen gelegenheiten habe ich zu lesen oder mein notebook dabei, so dass die zeit für mich nie verloren ist :)
liebe grüsse,
aprikose
Von: aprikose am 329. Januar 2009
um 14:43