Verfasst von: aprikose | 161. Januar 2011

Der Mitbewohner

Ich habe ja schon meinen neuen Mitbewohner angekündigt. Da ich schon weiss, dass vieles in Zukunft mit ihm zusammen hängen wird und ich auch über einiges schreiben werde, über das ich mit ihm zuvor gesprochen habe, werde ich unsere Beziehung mal ein wenig erörtern. So einfach ist das nämlich gar nicht… aber ich beginne einfach mal da, wo es angefangen hat. Nämlich vor vielen Jahren, als ich noch mehr als grün hinter den Ohren war, und gerade am Beginn meiner eigenen Veränderung stand. Zu diesem Zeitpunkt war er doppelt so alt wie ich – er könnte also fast mein Vater sein.

Damals war ich so schüchtern, dass ich schon rot wurde wenn man mich nur ansprach. Und da war dieser eine Mensch in der Bahn… jeden Morgen. Ich kann dieses Gesicht noch heute vor mir sehen. Ich war wie verzaubert. Es war eine der ersten Erfahrungen in dieser Richtung, und ich wusste nicht, was ich tun sollte. Und ich bin mir bis heute nicht sicher, was mich dazu getrieben hat – aber ich habe nicht meine Mutter, nicht meinen Vater, nicht meine Geschwister gefragt, sondern ihn. Jemand halbfremden, den ich nur wenige Monate zuvor im Internet kennengelernt hatte. Vielleicht war es derselbe Grund wie dieser Blog: Anonymität. Keiner, vor dem man sich rechtfertigen oder schämen muss, und doch jemand, der einen ein wenig kennt.

Natürlich habe ich mich vollständig blamiert, und die nächsten Wochen waren ziemlich peinlich, war dieser Mensch doch täglich in derselben Bahn. Doch seither hat mir dieser doch so viel ältere Freund stets bei Beziehungsfragen zur Seite gestanden – was nicht zuletzt daran liegt, dass er erstens sehr extrovertiert ist und sich zweitens unglaublich geehrt fühlte, dass jemand Verschlossenes wie ich sich genau IHM anvertraut hatte. Er erzählt “unsere” Geschichte jedem, der sie hören will, und betrachtet mich als kleines Geschwisterchen. Ich hingegen… habe ihn sogar mal unabsichtlich mit meinem Vater verwechselt.

Letztes Jahr ist ihm der Himmel auf den Kopf gefallen. Er ist jemand, der immer 200% gibt – so hat er auch in seiner eigenen Firma 16 Stunden am Tag gearbeitet, war damit extrem erfolgreich, und feierte an den Wochenenden mehr als hart. Doch plötzlich wurde er aufs Übelste ausgebootet, so dass er alles auf einmal verlor. Und genau in diesem Moment lief ihm dazu eine Frau über den Weg, die er am liebsten sofort geheiratet hätte. Man muss dazu sagen, dass er ein Lebemann ist und in seinem Leben wohl schon fast alles gesehen hat, was es an Beziehungen gibt, und genau deswegen weiss, dass SIE die Frau seines Lebens ist. Plötzlich wusste er, dass er sich Kinder wünscht. Dass er sich binden möchte, was früher nie der Fall war. Aber sie liess ihn abblitzen, weil sie selber nicht weiss, was sie will.

Wie er also mit den Scherben seines Lebens da stand, hatten wir wieder mehr Kontakt als sonst. Ich erzählte ihm auch von meiner eigenen Beziehung, meinen Problemen, und er hat mich mit seiner “Erfahrung” wohl am meisten überzeugt, dass es nicht das war, was ich suchte. Natürlich ist er mit seinem Alter und Singledasein nicht gerade das Musterbeispiel – aber er weiss, was NICHT gut ist. Im Endeffekt hatte er wohl recht… ich wäre irgendwann todunglücklich aufgewacht. Auch weil ich selbst noch nicht bereit zu all dem war. Als wir also beide etwas verloren da standen, beschlossen wir relativ spontan, dass wir zusammenziehen würden.

Die ersten Tage waren grausam. Weil er nicht wie ich einfach alles loslassen und woanders neu anfangen konnte. Ich wusste, dass das so nicht funktionieren würde, zog er mich doch nur noch mehr runter. Doch nachdem die erste depressive Stimmung verflog, war plötzlich Tatendrang in ihm zu sehen. Die 200% waren wieder da. Und seither läuft es zwischen uns extrem gut. Wir sind geistig auf einem Level und haben dieselben Ansichten, wenn auch völlig unterschiedliche Gemüter: Er ist hitzköpfig, extrem extrovertiert, laut, draufgängerisch, und trifft auf mich, einen ruhigen, kopflastigen, eher introvertierten Menschen.

Doch vielleicht ist es genau das, was es ausmacht. Ich spüre wieder, wie ich mich entwickle… wir lernen beide voneinander. Ich werde aufgeschlossener, und es macht mir schon viel weniger aus, Leute einfach so anzusprechen, als vor einigen Wochen. Er selbst wird ruhiger und sieht, dass es nicht immer nötig ist, auf Angriff zu schalten, um zum Ziel zu kommen. Ich bin seine Bremse, er mein Antrieb. Doch das wichtigste für mich ist gerade, dass ich lerne, meine Meinung zu vertreten. Ich stecke nicht mehr zurück. Ich werde aktiv. Ich kann ich sein, ohne stillschweigend einen Kompromiss einzugehen. Denn das war auch einer der Hauptfehler meiner letzten Beziehung. Meinem Menschen war wohl nie wirklich klar, was ich über eine gewisse Sache wirklich dachte, und vor allem, ob ich dabei nun über meinen eigenen Schatten gesprungen bin. Ich habe nicht geredet.

Es ist eine sehr ungewöhnliche Mischung. Gleiches Ziel, aber einmal laut und einmal leise. Eigentlich das, was man in einer Beziehung bräuchte. Merkwürdige Zufälle birgt das Leben. Hätte mir vor all diesen Jahren jemand gesagt, dass ich eines Tages mit diesem Menschen zusammenleben werde, wenn ich ihn anspreche, hätte ich ihm den Vogel gezeigt. Aber ich merke, dass mein Mitbewohner mir unglaublich gut tut, in meiner persönlichen Entwicklung, denn ich lerne einfach so viel von ihm. Ich habe ein wenig Angst, mich selbst zu verlieren, aber ich denke, ich kann die gesunde Mischung finden. Schlussendlich bin ich froh, dass die Dinge so gekommen sind. Alles, was geschieht, hat seinen Sinn…


Antworten

  1. wow was für eine Geschichte. Ich bin jetzt ermal ein bisschen baff, finde es aber toll das ihr so gut klar kommt grade wegen der unterschiede

    Lg
    Pumuckl

  2. Liebe Aprikose, ich habe da in meinem Blog eine Kleinigkeit, von der ich hoffe, dass du dich darüber freust. -> http://chogaramirez.wordpress.com/2011/06/21/kreativ-blogger-award/

  3. Deine Geschichte hat mich zutiefst “berührt”. Habe einen richtig grauen Tag hinter mir und dann diese Story! “Alles, was geschieht, hat einen Sinn!”, diese Tatsache vergesse ich an solchen Tagen völlig. lg yuppidu


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